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Nafeez Mosaddeq Ahmed

Das Elevate Festival stellt seinen Gästen heuer DIE Frage zum Festivaltitel: Brauchen wir die große Katastrophe um uns Weiterzuentwickeln? Auch die multiple Krise ist eine von drei Fragen, die allen Gästen des Festivals gestellt wurden.

Nafeez Mosaddeq Ahmed ist Politikwissenschaftler, International Security Analyst, Bestsellerautor (A User’s Guide to the Crisis of Civilization– And How to Save It) und Leiter von IPRD. Er lehrte an der Universität von Sussex und an der Brunel University.

Am Donnerstag um 18:30 wird er im Forum Stadtpark über die „Great Transformations“ sprechen.

 

Wie schätzt Du die gegenwärtige multiple (wirtschaftliche, ökologische, soziale, politische) Krise und die (Anti-) Krisenpolitiken ein?

Wir haben es zurzeit mit einer noch nie dagewesenen Konvergenz der globalen wirtschaftlichen, sozialen, psychologischen und politischen Krisen, der Krisen in den Bereichen Klima, Energie, Nahrungsmittel- und Wasserversorgung zu tun. Leider neigen wir mit unseren konventionellen reduktionistischen und fragmentarischen erkenntnistheoretischen Herangehensweisen dazu, diese Krisen jeweils isoliert zu betrachten, und sind damit nicht in der Lage, ihre inhärenten systemischen Zusammenhänge zu erfassen. Es handelt sich aber nicht um voneinander unabhängige Krisen, sondern um zusammenhängende Symptome einer globalen Krise der Zivilisation.

Was können wir also tun? Zuerst einmal müssen wir uns darüber klar werden, dass dies nicht das Ende, sondern der Anfang ist. Wir erleben den Zusammenbruch des alten Paradigmas – eines Paradigmas, das unausweichlich auf den Selbstmord des Planeten zusteuert, und das so nicht funktioniert. Was auch immer passiert, bis zum Ende dieses Jahrhunderts wird die Zivilisation in ihrer gegenwärtigen Form nicht mehr existieren. Die Frage, die wir uns daher stellen müssen, lautet: Wodurch werden wir sie ersetzen?

Die Menschheit hat eine evolutionäre Entscheidung zu treffen. Der „perfect storm“, der sich über uns zusammenbraut, bedeutet gleichzeitig den Beginn eines zivilisatorischen Übergangsprozesses. Das alte Paradigma verschwindet, ein neues entsteht. Und viele Menschen auf der ganzen Welt treffen bereits jetzt die Entscheidung, das Alte hinter sich zu lassen und gemäß dem Neuen zu handeln.

Das neue Paradigma ist noch im Entstehen begriffen und bildet sich in den verschiedenen Teilen der Welt auf unterschiedliche Weise aus. Überall jedoch ist es gekennzeichnet von einer Anzahl an grundlegenden alternativen Strukturen – dezentraler, sauberer Energieerzeugung, regionaler ökologischer Landwirtschaft und partizipatorischer wirtschaftlicher Zusammenarbeit, um nur einige zu nennen – und zeigt so ein Entwicklungsmodell auf, das nicht dem Imperativ des endlosen Wachstums um des Wachstums willen unterworfen ist. Gleichzeitig wird damit auch der Weg zu einer neuen Form der Demokratie geebnet – einer Demokratie, die nicht auf der zentralen hierarchischen Kontrolle von Massen, sondern auf der kompletten Dezentralisierung von Macht basiert, auf kleinräumigeren, lokalen Besitz- und Entscheidungsstrukturen, die über lokal verwaltete IT-Netzwerke global miteinander vernetzt sind.

Das neue Paradigma basiert auf einem grundlegend anderen Ethos, dem zufolge wir uns nicht als isolierte, konkurrierende Einheiten begreifen, fixiert auf den ständigen Wettbewerb der Konsumgesellschaften, sondern als wechselseitig voneinander abhängige Mitglieder einer einzigen menschlichen Familie. Anstatt so zu tun, als existiere unsere Wirtschaft in einem Vakuum, das grenzenlose materielle Expansion erlaubt, wird sie in ihrer Einbettung in einen größeren gesellschaftlichen Rahmen betrachtet, sodass Wirtschaftstätigkeit als bloßer Selbstzweck als die krankhafte Auswucherung entlarvt wird, die sie tatsächlich ist. Im neuen Paradigma werden die Wirtschaftsaktivitäten auf die substantiellen Werte abgestimmt, die den Menschen ausmachen – Werte wie die Befriedigung unserer Grundbedürfnisse, Bildung und Forschung, Kunst und Kultur, Geben und Nehmen; Werte, die laut Psychologen weitaus mehr zu unserem Wohlbefinden beitragen als Geld und Güter das tun. Unsere Gesellschaften werden ihrerseits nicht als autonome Gebilde begriffen, denen der ganze Planet schonungslos unterjocht werden muss, sondern gelten vielmehr als inhärent in diesen eingebettet.

 

Denkst Du, dass globale soziale Bewegungen wie La Via Campesina oder zuletzt auch Occupy eine entscheidende Rolle spielen, wenn es darum geht, das Ruder herumzureißen und zukunftsfähige Gesellschaften zu entwickeln? Wie groß ist Deiner Meinung nach das Potenzial solcher Bewegungen? Welche weiteren Akteur*innen sind wichtig?

Die Menschen sind zunehmend enttäuscht von den herrschenden soziopolitischen und wirtschaftlichen Strukturen. Sie lechzen nach Alternativen, doch es gibt keinen existierenden Mechanismus, der ihren Stimmen Gehör verschafft. Was bleibt ihnen also anderes übrig, als den öffentlichen Raum zu besetzen und zu versuchen, auf diese Art und Weise ihre Macht zurückzufordern?

Der Arabische Frühling im Nahen Osten und die Occupy-Bewegung im Westen sind in dieser Hinsicht als Ausbrüche des Widerstands gegen den weltumfassenden menschlichen Suizid aufzufassen, als beginnender Todeskampf einer Zivilisationsform, die einfach nicht funktioniert. Angesichts des Umstands, dass wir immer schneller und schneller auf die ökologische und ökonomische Selbstzerstörung zusteuern, wird nun das innerste Wesen unserer Zivilisation infrage gestellt: unsere Haltung gegenüber Natur und Leben, unser Wertesystem, aber auch die Verknüpfung dieser Werte mit unseren soziopolitischen, wirtschaftlichen und kulturellen Strukturen.

Zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte haben wir es mit einer Zivilisationskrise von weltumspannendem Ausmaß zu tun. In den kommenden Jahrzehnten und mit Sicherheit noch innerhalb dieses Jahrhunderts werden wir die Selbstzerstörung und den Niedergang einer ausbeuterischen, rückschrittlichen und für uns und unseren Planeten schädlichen industriellen Zivilisationsform erleben. Unterdessen haben wir die historische Gelegenheit, auf Alternativen zu drängen, wirtschaftliche, politische, kulturelle, ethische und sogar spirituelle, die potenziell noch weitaus mehr zum Wohl der Menschheit beitragen können, als wir uns bislang vorstellen können.

Das kann erst geschehen, wenn wir die Energie und die Begeisterung der Occupy-Bewegung dazu nutzen, zuerst kohärente kritische Diagnosen über die wahre Beschaffenheit des Problems zu stellen und auf dieser Basis dann kohärente alternative Handlungsrahmen zu entwickeln. Wir müssen zusammenarbeiten, um die Wirksamkeit und Überlegenheit alternativer sozialer, politischer, wirtschaftlicher, kultureller und ethischer Lebensstile aufzuzeigen. Wir müssen nicht nur unser Denken und Handeln weiterentwickeln, sondern auch innovative Wege finden, um diese neuen Ideen zu präsentieren, sie der breiten Masse zugänglich zu machen und Öffentlichkeit wie Institutionen darüber zu informieren. Und vor allem müssen wir darüber nachdenken, was verschiedene Gruppen von Menschen – insbesondere jene, die am stärksten von Marginalisierung und Entrechtung betroffen sind – jetzt tun können, um zu beginnen, echte Veränderung von der Basis aus zu schaffen. Wie können wir stärker partizipatorisch organisierte Formen von wirtschaftlichem Austausch entwickeln? Wie können wir lokale Ressourcen bündeln und uns besser auf Energiekrisen vorbereiten, indem wir mit dem Ziel einer gesteigerten Unabhängigkeit größeren Wert auf dezentrale erneuerbare Energieerzeugung legen? Wie können wir lernen, unsere eigenen Nahrungsmittel anzubauen und so weniger abhängig von den ausbeuterischen und unberechenbaren internationalen Netzwerken der Agrarindustrie zu werden? Wie können wir neue kleinräumige politische und kulturelle Strukturen aufbauen, die die Top-Down-Strukturen von Staat und Militär nach und nach irrelevant werden lassen?

Proteste und die Besetzung des öffentlichen Raums sind wichtige Keime des Widerstands, aber aus diesen Keimen müssen Modelle für soziale Transformation und Empowerment sprießen, mit denen sich die 99 Prozent auseinandersetzen können – im offenen Dialog miteinander, und im Dialog selbst mit dem einen Prozent, gegen dessen Monopole wir protestieren. Wir müssen unter allen Umständen dafür Sorge tragen, dass diese gemeinschaftlichen Anstrengungen exakte Diagnosen unserer Lage liefern, damit wir unseren Aktivismus in die richtige Richtung lenken können – nicht nur gegen das eine Prozent, sondern gegen die politische, wirtschaftliche, ideologische und ethische Ordnung, die seine Existenz und jene unserer derzeitigen dysfunktionalen Strukturen überhaupt erst ermöglicht.

 

Was ist Deine Meinung zu der zentralen Frage des diesjährigen Festivals: Elevate the Apocalypse? Wird es der Menschheit gelingen, den dringend nötigen gesellschaftlichen Wandel hin zu solidarischen Wirtschafts- und Lebensweisen zu bewerkstelligen, die die ökologischen Grenzen des Planeten respektieren? Oder bedarf es erst großer Katastrophen, damit die notwendigen, grundlegenden Veränderungen entschieden vorangetrieben werden?

(Bedenken wir die Deklaration der Menschenrechte 1948 nach den Schrecken des Zweiten Weltkriegs. Oder auch Fukushima 2011, das Japan zu einem Kurswechsel in Richtung erneuerbare Energien bewegte, und Deutschland dazu veranlasste, den Atomausstieg erneut voranzutreiben.)

Angesichts der Konvergenz der Krisen mag die stetig voranschreitende Konzentration von Macht auf Staaten und Konzerne auf den ersten Blick erdrückend wirken. Doch an den Bruchlinien dieses selben Prozesses eröffnen sich gleichzeitig auch Möglichkeiten für transformativen Widerstand, die mit der Beschleunigung der Krise und der damit stetig schwindenden Fähigkeit des Systems, sich selbst zu erhalten, sogar noch wachsen.

Der Politikwissenschaftler Prof. Thomas Homer-Dixon, einer der wenigen Wissenschaftler, der, wie ich, eine holistische, systemische Einschätzung der Lage unserer Zivilisation vorgenommen hat, sagt:

„Das konventionelle Wirtschaftsdenken ist zur alles beherrschenden geistigen Rechtfertigung der momentanen Weltordnung geworden. Da es dieser Rationalisierung jedoch immer weniger gelingt, Finanzkrisen vorauszusehen oder geeignete Mittel gegen den drohenden Klimawandel bereitzustellen, wird sie unweigerlich immer komplexer und rigider und zunehmend weniger haltbar. Künftige Krisen und gesellschaftliche Umbrüche werden dieses Denken weiter diskreditieren und intellektuellen Raum für die Entwicklung völlig neuer Ideen schaffen. Allerdings wird in diesem Raum brutale Konkurrenz herrschen. Um dabei die Chancen der humansten Alternativen zu befördern, müssen wir sie im Detail ausarbeiten und bereits vor dem Eintreten der Krisen in möglichst weiten Kreisen verbreiten.“

Diese Dynamik ist – ähnlich den Lebenszyklen natürlicher Systeme – eine Form von „Katagenese“, bestehend aus der kreativen Erneuerung unserer Technologien, Institutionen und Gesellschaften nach dem Zusammenbruch. Mit dem zunehmenden Versagen des alten Systems werden einst undenkbare Ideen, Technologien und Formen sozialen Zusammenlebens heute zu realistischen Möglichkeiten. Der Zusammenbruch ist also bis zu einem gewissen Grad notwendig, denn nur auf ihn kann die Katagenese folgen.

Damit soll weder der Kollaps an sich gerühmt, noch gemutmaßt werden, dass eine bewusste Beschleunigung des Zusammenbruchs allein zur Erneuerung beitragen würde. Im Gegenteil, der Zusammenbruch an sich führt NICHT zur Katagenese – alles andere als das. Deshalb müssen wir vor jenen gewarnt sein, die das System gewaltsam zu Fall bringen wollen, denn nicht nur wäre dies keine Garantie für Erneuerung, sondern es könnte im schlimmsten Fall sogar den Weg für ein anderes, dysfunktionales und gewalttätiges System ebnen. Mit anderen Worten, verschiedene Szenarios sind denkbar – extrem negativ, oder positiv, je nachdem, wie wir der Krise der Zivilisation vorbeugen, sie abschwächen, uns an sie anpassen und sie uns als Anlass zur Einleitung eines transformativen Wandels nehmen.

Je mehr die Infrastruktur der industriellen Zivilisation durch die Konvergenz der multiplen globalen Krisen zu bröckeln beginnt, desto größer werden die Möglichkeiten der Katagenese durch das neue Paradigma. Die Entstehung der Occupy-Bewegung ist ein Symptom hierfür und ein Zeichen des immensen existierenden Erneuerungspotentials, doch es muss erst in die richtige Richtung gelenkt werden. Die sich häufenden Anzeichen des Systemzusammenbruchs, angesichts derer die Menschen zunehmend ihren Unmut gegenüber der vorherrschenden Politik zum Ausdruck bringen, bedeuten gleichzeitig auch eine fortwährende Ausweitung unserer Möglichkeiten. Die Herausforderung besteht darin, diesen Unmut zu kanalisieren und für die Erarbeitung eines kohärenten von der Basis ausgehenden kollaborativen Handlungsplans nutzbar zu machen. Es gilt also, unsere Bemühungen auf die Entwicklung des neuen Paradigmas zu konzentrieren, Bewusstsein zu schaffen, und alternative soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Modelle umzusetzen, zu konsolidieren und weiterzuverbreiten.

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